Nur gemeinsam! Warum Mitbestimmung Voraussetzung für Klimagerechtigkeit ist

Eine neue Studie zeigt: Wo Beschäftigte mitbestimmen, kommt die Transformation zur Klimaneutralität besser voran. Die neue REVOLTE-Kolumne von Jan Bühlbecker.

Wenn Angestellte und ihre Ver­tre­te­r*in­nen viel in der Firma mitgestalten können, ist das auch gut für die Umwelt.

Denn Unternehmen mit starken Mitbestimmungsrechten, also Betriebsräten, Jugend- und Auszubildendenvertretungen und Arbeitnehmer*innen im Aufsichtsrat, agieren nachhaltiger als ihre Konkurrenz.

“Die Mitbestimmung ist damit Teil der Transformation der Unternehmen in Richtung eines sozial-ökologischen Wirtschaftens”, erklärt Robert Scholz vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), der für die Hans-Böckler-Stiftung zu diesem Thema geforscht hat gegenüber der TAZ.

Da, wo mitbestimmt wird, ist es klimafreundlicher

Dafür haben Wissenschaftler Scholz und sein Forscher*innen-Team die ESG-Bewertungen, die die Rating­agentur Refinitiv für 224 für alle im deutschen Börsenindex CDAX gelistete Unternehmen erhoben hat, ausgewertet.

ESG – Das steht für die Wörter Environment, Social und Governance, die die für Nachhaltigkeit zentralen Bereiche Umwelt, Soziales und Unternehmensführung abdecken.

Das Ergebnis: Neben Unternehmensgröße und Aktionär*innenstruktur ist vor allem die Mitbestimmungskultur im Unternehmen entscheidend dafür, ob die Firmen nachhaltig arbeiten.

Unternehmen, in denen die Beschäftigten gut mitbestimmen können, werden schneller und erfolgreicher grün. Und umgekehrt: Unternehmen mit schlechter Mitbestimmungskultur bleiben länger klimaschädlich.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen mit starker Mitbestimmung der Beschäftigten im Aufsichtsrat hat eine um fast 20% bessere Nachhaltigkeitsbewertung als ein Unternehmen ohne entsprechende Beschäftigten-Rechte.

Für die Vielen: Warum Beschäftigte besonders von Klimaschutz profitieren

Robert Scholz stellt fest: Dass Unternehmen mit starker Mitbestimmung in fast allen Nachhaltigkeitskategorien ein besseres Ergebnis erreichen, ist “ein Beleg dafür, dass die ökologische Transformation einer sozial nachhaltig ausgerichteten Unternehmenspolitik nicht widerspricht.”

Und weiter: Den Kolleg*innen ist “die Notwendigkeit des Wandels bewusst, sodass sie nach ihren Möglichkeiten die Transformation der Geschäftsmodelle unterstützen, etwa, wenn es um die Senkung der Emissionen oder des Ressourcenverbrauchs geht.”

Überraschung? VON WEGEN!

Dass Arbeitnehmer*innen sich für das Gelingen der Transformation engagieren, ist ziemlich logisch. Denn sie sind, die anders als Aktionär*innen nicht nur auf die kurzfristige Rendite schielen, sondern auf den langfristigen Erfolg ihrer Firma. Schließlich hängen da ja ihre Arbeitsplätze dran.

Außerdem wissen die Beschäftigten um die Gefahren der Klimakrise und wollen ihren Kindern und Enkel*innen eine lebenswerte Zukunft hinterlassen.

Es lohnt sich, darum mehr über die Studie nachzudenken…

…und dann Konsequenzen aus ihr zu ziehen!

Die Ideen der Millionen nutzen: Mitbestimmung in jedem Betrieb stärken – und zwar so!

Und die Konsequenz muss lauten: MITBESTIMMUNG STÄRKEN!

Zwei Vorschläge:

Erstens: Wir müssen das Betriebsverfassungsgesetz ändern und darin fest schreiben, dass der Betriebsrat auch beim Klimaschutz ein verbindliches Mitbestimmungsrecht hat. Bislang haben Betriebsräte in Fragen der Unternehmensausrichtung nämlich nur ein unverbindliches Vorschlagsrecht. 

Heißt: Wenn der Betriebsrat ein Konzept erarbeitet, etwa über neue Produkte oder klimafreundliche Herstellungsverfahren, muss sich das Unternehmen damit befassen und mit den gewählten Arbeitnehmer*innen verhandeln.

DAS wäre ein Paradigmenwechsel in der Mitbestimmung! Denn die Ideen der Betriebsräte müssten so ernsthaft diskutiert und die Betriebsparteien zu einer Einigung kommen. Kein Chef könnte Vorschläge der Beschäftigten länger direkt in Ablage P, dem Papierkorb, entsorgen, weil der Betriebsrat dann eine gerichtliche Einigungsstelle anrufen könnte. Und dann würde da, vor dem Arbeitsgericht, entschieden.

Zweitens: Wir müssen die Arbeitnehmer*innenseite in den Aufsichtsräten stärken. 

Bislang sind die Kolleg*innen dort nämlich fast überall in der Minderheit.

Einzige Ausnahme sind die Kohle- und Stahlindustrie, dort stellen Kapitalseite und Beschäftigte gleich viele Vertreter*innen im Aufsichtsrat. Und die sogenannte Montanmitbestimmung sollte endlich der ganzen Wirtschaft ein Beispiel geben.

Bislang vergeben wir nämlich immer noch ein RIESENPOTENZIAL während wir zur Klimaneutralität trödeln: Die guten Ideen der MILLIONEN Arbeitnehmer*innen, top ausgebildet, sehr erfahren, nah an der Praxis.

Das ist keine Behauptung, sondern Forschungsstand.

Also, es ist höchste Zeit, Klimagerechtigkeit zusammen zu gestalten!


Geschrieben von: Jan Bühlbecker

Jan Bühlbecker

Jan Bühlbecker ist Teil der Revolte, Vorsitzender unseres Trägervereins und schreibt regelmäßig für unser rebellisches Magazin. Er wohnt die Hälfte der Zeit in Bochum und die andere auf Twitter (@jan_buehlbecker), Instagram (@buehlbecker), Facebook (@buehlbecker) und TikTok (@benutzername_jan). Hier ist er laut für Feminismus, Antifaschismus und Solidarität.